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Rezension von Günther Mohr
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Das Buch stellt Beiträge verschiedener Autoren zu einem Coaching-Begriff vor, der sehr weit gefasst ist und die gesamte Person einbezieht, deshalb „Life-Coaching“. Ferdinand Buer und Christoph Schmidt-Lellek starten mit der Begründung dieses umfassenden Coaching-Ansatzes, indem sie ihn an die Einbettung der Arbeit in der heutigen Gesellschaft, soziologisch als „Spätmoderne“ bezeichnet, ansetzen. Individualisierung und Differenziertheit der Möglichkeiten der heutigen Gesellschaft lassen aus ihrer Sicht eine Trennung von Rolle und Person nicht sinnvoll erscheinen. Überhaupt sehen sie in der Sinngestaltung in Leben und Beruf ein zentrales Thema. Dazu folgen Beiträge, in denen Ferdinand Buer und Astrid Schreyögg die Lage der Führungskräfte und der Fachkräfte in ihrem heutigen Spannungsfeld darstellen. Sie sehen als zentrale Coaching-Themen die Sinnsuche, die Suche nach Glück, die Übernahme von Verantwortung und die Gestaltung der Beziehung von Arbeit und Leben.
Typische Herausforderungen der Coaching-Klienten behandelt das dritte Kapitel: den Umgang mit sich selbst, den Umgang der Fachkräfte mit ihren Adressaten, für die sie arbeiten, den Umgang in Führungsbeziehungen und Geschäftsbeziehungen. Es gelte, Identitätsfragen zu lösen und das Grundprinzip der dialogischen Haltung zu bewahren, so die Autoren. Ein wesentliches Feld ist hier dabei auch die Haltung zum Wirtschaften überhaupt. Die Orientierungen am Shareholdervalue oder am Stakeholdervalue unterscheiden sich fundamental. Welche dieser Perspektiven in einer Organisation vorherrscht, ist auch für ein sinnhaftes Coaching eine wesentliche Rahmenbedingung.
Im vierten Teil des Buches folgen Darstellungen unterschiedlicher Verfahren, die Life-Coaching, wie es die Autoren verstehen, beispielhaft, abbilden. Es sind Darstellungen des Life-Coaching aus der Perspektive des Psychodramas, der Adlerschen Individualpsychologie und der rational-emotiven Therapie nach Ellis. Leider fehlt aus meiner Sicht die Transaktionsanalyse, die für viele Coachs heute wesentliches Rückgrat des Vorgehens ist.
Das Buch von Buer und Schmidt-Lellek stellt einen Maßstab auf. Es gibt heute ein großes Bedürfnis nach Anleitung in einer immer komplexer werdenden Welt. In dieser Gemengelage gibt es unendlich viele Angebote an Hilfe für Menschen. Unter dem Label Coaching laufen sehr viele zusammen, weil dieser Begriff das Effizienzversprechen schon unmittelbar suggeriert. Natürlich ist Coaching heute nicht abgegrenzt. Viele, die glauben, irgendetwas zu wissen oder von irgendetwas etwas zu verstehen, schwingen sich auf, dies andere beibringen zu wollen, und nennen sich Coach. Darin spiegelt sich ein zutiefst menschlicher Zug. Positiv ausgedrückt wollen sie Menschen helfen. Kritisch betrachtet ist es oft eine Projektion eigener Lebensthemen oder Lebensaufgaben auf andere, bei denen man dann die Entwicklung außerhalb von sich selbst inszenieren, quasi stellvertretend abwickeln lassen kann.
Entsprechend interessieren sich die Leute häufig nur für Techniken. Aber wie kann ich Veränderungen bewirken, ist die Frage des Coachs. Buer und Schmidt-Lellek plädieren für ein Coaching, das die Spanne der gesamten Lebensvorgänge mit einbezieht, das Sinnfindung und Sinngestaltung beinhaltet. Zwar lasse sich ihrer Auffassung nach die Frage nach dem objektiven Sinn des Lebens nicht beantworten. Die Autoren legen allerdings nahe, dass die Sinnfindung für jeden Menschen und auch als Basis von Veränderungs- und Entwicklungsprozessen im Coaching zentrales Thema sein muss. Die Perspektive von Buer und Schmidt-Lellek kommt aus der westlichen, philosophischen Literatur. Es ist meines Erachtens schon eine deutliche Positionsbeziehung für ein Primat kognitiven Herangehens. Erkenntnis ist ohne Denken nicht zu haben, könnte man als Credo der Autoren vermuten. Nun zu einem, aus meiner Sicht kritischen Punkt, wenn es um ein wirklich breite Bezugnahme auf Sinn und Glück als Faktoren beim Coaching geht. Hatte der Co-Autor Schmidt-Lellek noch in seinen früheren „Ressourcen der helfenden Beziehung“ die Wurzeln der beraterischen Beziehung auch in den großen Weisheitslehren der Menschheit erforscht, knüpft dieses Buch hier leider nicht an.
Aber man kann nicht alles haben, jedenfalls nicht zur gleichen Zeit. Das Buch bleibt insgesamt sehr lesenswert, weil es viele Anregungen gibt. Es ist ein ungemein reichhaltiges Buch.
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Günther Mohr, Hofheim
www.mohr-coaching.de
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Rezension von Dr. Konrad Elsässer
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Mir sperrt sich der Titelbegriff des Buchs „Life-Coaching“ in doppelter Hinsicht: Wozu braucht es zum Ersten „Life-Coaching“? Weshalb heißt es nicht Lebens-Coaching? Weshalb wird englisch und nicht deutsch getitelt? Und weshalb dann die beckmesserische Distanzierung von „Life-Coaching (...) im angloamerikanischen Raum“ (S. 24)? Zum andern, warum sollte man nicht einfach ernst nehmen, was im Untertitel steht: „Über Sinn, Glück und Verantwortung in der Arbeit“? Auf die Arbeit bezogen, könnte es ja Business-Coaching sein, ein mittlerweile doch eingeführter Begriff, der den Unterschied zu vielen möglichen andern Formen hinreichend klar markiert: Weshalb also Life-Coaching und nicht „Business-Coaching“?
Zu den Themen „Sinn, Glück und Verantwortung in der Arbeit“ ist in diesem Buch von Buer & Schmidt-Lellek vieles zusammengetragen worden, was es lesenswert machen kann – besonders für jüngere Coachs, die selbst keine gründliche philosophische oder literarische Prägung erfahren haben. Wenn dies aber die Zielgruppe ist – und die jeweils am Schluss eines Kapitels stehenden Abschnitte „Erträge für den Coach“ legen die Annahme nahe – dann verwundert es um so mehr, dass mit der Verpackung „Life-Coaching“ unnötig irritiert wird.
Buer und Schmidt-Lellek breiten ein enzyklopädisches Halbwissen aus. „Halbwissen“ hat einen pejorativen Klang. Hier handelt es sich um mit viel Fleiß aus verschiedenen Disziplinen zusammengetragenes philosophisches, sozialwissenschaftliches und lebenskundliches Wissen. Dem erfahreneren Leser erscheint es wie ein Coaching-Wikipedia aus den Themenfeldern Sinn, Verantwortung und Glück. Dieses Sekundärwissen mag nützlich sein für den Anfang, ein erster (vielleicht halber) Schritt auf neues Gelände hin. Ein belehrender Ton macht die Übertragung oder Aneignung zwar manchmal schwierig, obwohl individuelle Nutzung und Aneignung das ist, was die Autoren erklären zu beabsichtigen. Wenn man die den Schlussabschnitten nachfolgende Literatur als Aufforderung zur Vertiefung und Selbstaneignung nimmt, kann aus Sekundär- und Halbwissen eine Verbindung von Einsicht und Know-how werden, eine sinnvolle Selbstaneignung.
Also einerseits ein Buch mit Schätzen wie im Bergwerk: Edelsteine mit Geröll gemischt. Andererseits ein Sammelband, zu dem weitere Autorinnen (Astrid Schreyögg, Anette Suzanne Fintz) und Autoren (Friedel John, Dieter Schwartz) beitragen. Wonach geschürft wird, legt die Absichtserklärung der Autoren offen: „Coaches (...) sollen ihren Blick für existenzielle Dimensionen des Coachingprozesses erweitern und Anregungen bekommen, wie sie diese Dimensionen nicht abwehren, sondern aufgreifen können.“ (S. 35) Und die folgende „Wissensarchitektur“ (ibid.) erläutert dann die vier Teile des Buchs.
Teil I nennt als „zentrale Adressaten des Coachings“ die „professionellen Beziehungsarbeiter/innen und (...) Führungskräfte(.)“ – nicht die Kunden oder Klienten oder Klientinnen! Teil II entfaltet die Themen, die schon im Untertitel des Buches genannt sind. Merkwürdig an diesem Teil berührt, dass Lebensthemen wie Paarbildung, Beziehungen, Elternschaft (z.B. auch das methodisch ausgewiesene Eltern-Coaching wie bei Arist von Schlippe), Familie, Erwachsenwerden der Kinder, Gesundheit, Pflege der Alten, Geschlechter- und Generationenverhältnisse ausgeblendet sind – alles existenzielle Lebensthemen! So als ob Sinn, Verantwortung und Glück vor allem außerhalb dieser Beziehungsgeflechte vorkämen. Teil III konzentriert sich auf den Umgang von Fach- und Führungskräften mit den gewählten Themen; Teil IV entfaltet dazu besondere methodische Coaching-Ansätze (Psychodrama, Soziometrie, Logotherapie, Genogramm u.a.).
Aus Sicht des Rezensenten bleibt der Gehalt des Buchs weit unter seinem behaupteten Anspruch. Die Frage, weshalb überhaupt ein so hoher existenzieller und ethischer Anspruch und der Schlüsselbegriff „Life-Coaching“ formuliert werden, scheint ihre Antwort eher in dem nach Neuigkeiten schreienden Markt zu finden: In neuer Verpackung ist alter Wein üppig mit Wasser gemischt. – Wollte man es zynisch ausdrücken: Na denn Prosit – auf’s Leben!
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Dr. Konrad Elsässer
Senior Berater, Schwertl & Partner, Frankfurt am Main
ke@schwertl-partner.de
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