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Rezension von Professor Dr. Klaus Stulle
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Ein Buch mit dem zunächst schlicht erscheinenden Titel „Coaching“ setzt sich zwangsläufig der zahlreichen einschlägigen Konkurrenz zum gleichen Thema aus, auch wenn seine zweite Auflage im renommierten Springer-Verlag schon als erster Qualitätshinweis interpretiert werden kann. Der Buchdeckel hält die Zielgruppe der Leserschaft noch recht weit offen: Hier wird das Buch sowohl an die enger gefasste Gruppe der Coachs als auch an die weitere der Klienten adressiert und zwar ausdrücklich über Wirtschaftsunternehmen hinaus auch in Bereichen wie Politik und Schule. Doch bereits bei ersten Beschäftigung mit dem Werk wird deutlich, dass es sich unübersehbar um ein Buch von Fachleuten für Fachleute handelt. Zumindest dürften sich durch die Lektüre nur wenige Klienten angesprochen fühlen, mit Hilfe des Buches ihren Coaching-Prozess noch theoretisch zu reflektieren, dafür ist die Darstellung schlichtweg zu anspruchsvoll und detailliert ausgefallen.
Zum Inhalt: Im Geleitwort äußert Gunther Schmidt vom Milton-Erickson-Institut Heidelberg seine Zufriedenheit darüber, dass Coaching in den letzten Jahren sein „Schlappschwanz"-Image erfolgreich abgelegt und sich in der Personalarbeit etabliert hat. Gleichzeitig kritisiert er die inflationäre Verwendung dieses Begriffs – einschließlich mannigfaltiger Weiterbildungsangebote. Vor diesem Hintergrund ist in seinen Augen ein einschlägiges Standardwerk zum Thema wünschenswert, das als gängige Referenz dienen kann. Und genau dieses – ambitionierte (!) – Ziel soll das hier besprochene Werk nun erfüllen. Dazu beschreibt Prof. Lippmann von der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zunächst die Charakteristika von Coaching als Form professioneller Beratung, darin eingeschlossen typische Grundlagen wie „Kundentypen nach Steve deShazer“ oder „Drei-/Vierecksvertrag“ oder „Rollenklärung“. An vielen Stellen wird dabei deutlich, dass der Darstellung eine klar systemische Sichtweise zugrunde liegt. Im Anschluss werden verschiedene Coaching-Settings illustriert, wobei der Autor zur Sonderform „Kollegiales Coaching/Intervision“ bereits ein eigenes Buch (2. Auflage ebenfalls 2009) bei Springer veröffentlich hat.
Danach reicht Lippmann in seiner Rolle als Herausgeber die Feder weiter an andere, renommierte Fachleute im Thema, die ihrerseits verschiedene Zielgruppen für Einzel-Coaching wie Familienunternehmen, Projektleiter, Personaler oder Politiker getrennt voneinander darstellen. Besonders bemerkenswert ist dabei der Aufsatz von Uwe Böning, in dem die – durchaus gravierenden – Unterschiede zwischen Business-Coaching auf der mittleren Führungsebene gegenüber dem „Executive-Coaching“ sehr plastisch herausarbeitet werden. Ebenfalls gelungen und „systemisch inspiriert“ ist die Beschreibung des Coachings für Schulleiter von Jean-Luc Guyer unter der Verwendung der „Fluss-Metapher“.
Der danach folgende Abschnitt beschäftigt sich mit speziellen Coaching-Anwendungsfeldern bzw. –Fragestellungen wie „Change“, „Konflikt“, „Krise“, „Laufbahnentscheidung“ oder „Betriebliche Bildung“, ferner mit Themen wie „Coaching bei Freistellungen“, „Interkulturelle oder geschlechtliche Aspekte beim Coaching“ sowie „Ethische Fragen“. Darüber hinaus werden noch als weitere Coaching-Trends, momentane Entwicklungen wie „Systematische Coaching-Evaluation“ oder „Online-Coaching“ dargestellt.
Mit nur 23 Seiten bei einem Gesamtumfang von knapp 400 ist das Kapitel zu „Methoden im Coaching“ sehr knapp gehalten. Die Darstellung von Techniken wie „Aktives Zuhören“, „Arbeiten mit Bildern“, „Hausaufgaben“, „innere Konferenz“ oder „Tagebuch“ ist eher glossarmäßig kurz ausgefallen und insofern kein Schwerpunkt dieses Buches. Dazu gibt es aber auch schon an anderen Stellen reichlich Literatur, auf die im Text konsequent Bezug auch genommen wird. Ebenso sind die konkreten Hilfestellungen zur Suche/Auswahl eines Coachs bzw. der Informationsquellen für potenzielle Coachs auf nur fünf Seiten eher als weitere Kurz-Ergänzung zu verstehen.
Wird das Buch damit letztlich dem selbst-gesteckten, ambitionierten Anspruch gerecht? Der Referent meint: Ja, durchaus! Auch wenn schon zuvor eine Menge Bücher zum Thema „Coaching“ erschienen sind, kann dieses Werk als eine besonders gelungene Überblicksdarstellung für Experten oder aufgeschlossene Novizen mit Hintergrundkenntnissen dienen. Als „Schnupper- oder Nachttisch-Lektüre“ eignet es sich allerdings nicht so sehr (auch vom Preis her betrachtet). Herauszuheben ist bei der Gesamtbetrachtung insbesondere die facettenreiche, umfassende Beschreibung diverser Coaching-Szenarien bzw. -Umgebungen.
Insgesamt geht das Buch thematisch mehr in die Breite als in die Tiefe, wobei trotz der vielen Einzel-Autoren (insgesamt immerhin 22 plus Herausgeber) unnötige Überlappungen und Wiederholungen erfolgreich vermieden werden. Hingegen ist das Werk zur Vermittlung von Coaching-Tools, möglicherweise dazu noch im Selbst-Studium, kaum geeignet. Von der Illustration her ist es mit regelmäßigen Kurzzusammenfassungen, plastischen Fallbeispielen und ausgezeichnet ausgewählten Cartoons sehr ansprechend aufbereitet. Auch die Sprache und der Satz (= Seitenaufbau und -gestaltung) sind sehr gelungen. Insgesamt hat der Rezensent damit einen „literarischen Freund“ gefunden, den er gerne wieder bei passender Gelegenheit als hochwertige Referenz zu Rate ziehen wird.
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Professor Dr. Klaus Stulle
Corporate Human Resources, Bayer AG, Leverkusen
klaus.stulle.ks@bayer-ag.de
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Rezension von Professor Dr. Anton Hahne
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In der deutschsprachigen Schweiz wurden im Psychologie- und Managementbereich schon oft Dinge entwickelt, die weit über den nationalen Raum ausstrahlten. C. G. Jungs Analytische Psychologie, diverse St. Gallener Managementkonzepte oder beispielsweise das 2-Q-System im Qualitätsmanagement sind dafür beredte Beispiele. Das Züricher Institut für Angewandte Psychologie (IAP) steht damit in einer guten Tradition als Impulsgeber in einem Bereich der angewandten Psychologie, der noch nicht systematisch curricular gefasst ist. Coaching ist zwar in aller Munde und hat den Geruch einer oberflächlichen Psychotechnik schon lange abgelegt, Coaching befindet sich jedoch in seiner wissenschaftlichen Reflexion noch in den Anfängen. Auch umfassende Lehrbücher gibt es bisher zu wenige, so dass der vorliegende Sammelband vermutlich auf ein großes Interesse treffen wird.
22 vorwiegend Schweizer Fachautorinnen und -autoren hat der Herausgeber Eric Lippmann, Trainer und Professor am IAP, versammelt. Sie liefern in drei Kapiteln zuerst zielgruppenspezifisch, dann anwendungsfeldbezogen und zuletzt mit entwicklungsorientierter Perspektive die Einzelbeiträge des 377 Seiten umfassenden Werkes. Lippmann selbst stellt eingangs Grundlagen und Settings dar, listet abschließend Methoden und Hilfestellungen auf. Sehr sympathisch wirkt schon das Geleitwort von Gunther Schmidt, dem bekannten Heidelberger
Hypnosystemiker, der offensichtlich als Spiritus Rector der Weiterbildungsaktivitäten des IAP fungiert. Seine Orientierung an den Stärken und Fähigkeiten statt an den Problemen und Defiziten zeichnet auch die Position der meisten Autoren der Einzelbeiträge aus. Der Fokus liegt dabei auf dem
Einzel-Coaching. Gruppenverfahren oder Überschneidungen mit Organisationsentwicklung auf Abteilungs- oder Teamebene sowie Supervision werden nur überblicksartig gestreift oder bleiben ganz außen vor.
Die Zielgruppen des Buchs bilden Führungskräfte, also neugierige Klienten, Human-Resource-Fachleute in ihren Rollen als Kunden, Anbieter oder Vermittler, Coachs und Studierende. Dass die Leserschaft damit breit gefächert ist, ist eine der Leitideen; eine weitere besteht im Anspruch, verschiedene psychologische Richtungen zu berücksichtigen. Letzteres wird jedoch nicht systematisch entwickelt, denn die Praxisorientierung der meisten Beiträge lässt nur indirekt eine Zuordnung zu Teildisziplinen oder Schulen zu.
Bei den Grundlagen des Coachings geht Lippmann vor allem auf die Rollentheorie ein, grenzt Coaching von anderen Konzepten ab, referiert typische Phasen und erläutert alle denkbaren
Settings. Nach diesen eher allgemeinen Abschnitten stehen dann die Zielgruppen des Coachings im Vordergrund: Führungspersonen im unteren und mittleren Management (vorgestellt von Moreno dell
Picca), Top-Führungskräfte (Uwe Böning), Familienunternehmen (Christof
Baitsch), Projektleiter (Robert Lippmann), Personalmanager (Hanna Aschenbrenner), Politiker (Christina von
Passavant) und Schulleiter (Jean-Lic Guyer).
Interessant sind dabei vor allem die Tätigkeitsfelder außerhalb des Wirtschaftsbereichs im engeren Sinn. Die Sandwich-Problematik eines Managers der mittleren Ebene mag zwar für viele Coachs das tägliche Brot sichern, seltener dargestellt und damit für den Rezensenten beim Lesen spannender sind die wirtschaftsfernen Zielgruppen.
Bei den speziellen Anwendungsfeldern wird von der vorherigen Branchen- oder Professionsdifferenzierung zu eher situativen Fragestellungen gewechselt: Change Prozesse (Astrid Hausherr Fischer), Konflikte
(Lisianne Enderli), Krisen (Gisela Ullmann-Jungfer), betriebliche Bildung (Christoph
Negri) und Laufbahnfragen (Michéle Dubois) sind derartige Situationen, über die man in kurzen Artikeln coachingbezogen informiert wird. Spannend sind die Beiträge zum Coaching im Umgang mit Medien (Daniel
Perrin), zum Coaching bei Freistellungen (Otto Nussbaumer) und zu interkulturellen sowie ethischen Aspekten beim Coaching
(Mirjiam Kalt und Claus D. Eck) zu lesen. Schade ist es, dass die Autoren nicht aufeinander Bezug nehmen. Gender-Aspekte (Liliane Blume) bleiben so zum Beispiel sehr isoliert; Coach the Coach-Maßnahmen (Werner
Vogelauer) hätten sich selbstredend mit vielen weiteren Meta-Ebenen, die in anderen Kapiteln breiten Raum einnehmen, kombinieren lassen.
Das dritte Hauptkapitel mit Sammelbeiträgen dreht sich um die Zukunft des
Coachings. Hier findet sich endlich ein Beitrag zur Wirksamkeitsforschung (Hansjörg
Künzli) – endlich deshalb, da viele der anderen Aufsätze deskriptiv oder normativ vorgehen, ohne zu fragen, ob das Beschriebene tatsächlich relevant ist beziehungsweise ob es empirische Belege für die gegebenen Empfehlungen gibt. „Lernformen, Kontexte und Transfer im Coaching“ nennt Michael Zirkler seinen wieder sehr allgemeinen Artikel, während Renzo Siegrist das konkrete und tatsächlich sehr zukunftsrelevante Thema „Online-Coaching“ abhandelt. Astrid Schreyögg hat den ihr gebührenden prominenten Platz, im letzten der Einzelbeiträge über die Zukunft des Coachings nachzudenken. Ihr ist sicher zuzustimmen, wenn sie den Trend zur qualifizierten Personalentwicklung für Führungskräfte auch für die Zukunft prognostiziert und die Professionalisierung des Coachings vorhersagt.
In einem Methodenkapitel stellt Lippmann Interventionen von A (wie etwa „Aktives Zuhören“) bis Z (wie „Ziele herausarbeiten“) dar. Hier müssten spätestens die verschiedenen psychologischen Richtungen zum Tragen kommen, die eingangs als Leitidee angekündigt waren. Tatsächlich lassen sich Anleihen zum Beispiel aus der pädagogischen Psychologie, aus der Verhaltenstherapie, aus der systemischen Arbeit oder aus dem NLP erkennen. Systematisch offengelegt und diskutiert werden diese Bezüge nicht. Insofern könnte der Laie durch derartige Kurzdarstellungen eher in die Irre geführt werden, denn die Methoden wirken voraussetzungslos und quasi beliebig einsetzbar. Für den Profi allerdings bieten diese 37 Stichwörter einen guten Anlass, das eigene Methodenrepertoire zu überdenken und gegebenenfalls systematisch zu erweitern.
Auf sieben Seiten gibt es abschließend Hinweise für die Suche und Wahl eines Coachs sowie für die Suche nach Informationen für Coachs. Diese „Hilfestellungen für beide Seiten“ hätten ruhig etwas ausführlicher sein können; dem Problem der schnellen Alterung entsprechender Hinweise könnte man durch eine korrespondierende und leicht zu aktualisierende Internetseite begegnen.
Zusammenfassend ergibt sich ein buntes Puzzle unterschiedlicher Perspektiven auf das weite Feld des
Coachings. All das ist kurzweilig zu lesen und auch gut zur gezielten Teillektüre geeignet. Wer eine in sich geschlossene Abhandlung sucht, etwa weil er sich das erste Mal systematisch informieren und einlesen will, sollte eher zu einer Monographie greifen, etwa der Einführung von Astrid Schreyögg oder der von Christopher Rauen. Allen anderen potenziellen Lesern, die zu den oben genannten Zielgruppen (Führungskräfte, HR-Manager, Coachs, Studierende) gehören, ist der Sammelband von Lippmann sehr zu empfehlen, denn es handelt sich um ein gleichzeitig sympathisches und solide gestaltetes Buch. Dem Werk ist nicht nur in der deutschsprachigen Schweiz sondern überall im deutschsprachigen Raum eine zahlreiche Leserschaft zu wünschen.
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Professor Dr. Anton Hahne
Fachhochschule im Deutschen Roten Kreuz, Göttingen
www.antonhahne.de
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