Coaching-Literatur von Christopher Rauen
 









Buchbesprechung
 
Migge, Björn (2011). Handbuch Business-Coaching. Weinheim: Beltz.     Migge, Björn (2011).
Handbuch Business-Coaching.
Weinheim: Beltz.

ISBN: 978-3-407-36463-0
280 S.; 39,95 €
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Rezension von Dr. Jörg Pscherer
Weshalb ein weiteres Coaching-Handbuch? Vom gleichen Autor gibt es schon ein Grundlagenwerk, von Kritikern schon mal als „wildes Sammelsurium“ bezeichnet. Die Erwartung des Lesers orientiert sich dann also am Begriff: Business. Endlich die Spezifika des Coachings im Unternehmens-Kontext aus dem uferlosen Coaching-Becken herausschälen! Der Autor grenzt denn auch, gemäß der Definition des Deutschen Berufsverbandes Coaching (DBVC), sofort ein: „Das Personalentwicklungsinstrument Business-Coaching ist die individuelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von gesunden Personen mit Führungs- und Steuerungsfunktionen in Organisationen“. Im sogenannten Personal-Coaching seien die Anliegen dagegen vielfältiger und eher privater und biographischer Natur.

In den ersten beiden Kapiteln (Orientierung, Prozessgestaltung) wird die Erwartung des Lesers nicht enttäuscht. Er erfährt bei Vorkenntnis professioneller Grundlagen zwar nicht viel Neues, aber in gut lesbarer Form Praktisches über Setting, Prozessgestaltung und Qualitätssicherung. Beratungsanlässe aus Unternehmenssicht werden genannt wie Steigerung von Innovationskraft, Karriereberatung, Zeitmanagement und Entscheidungshilfe. Sogar auf Organisationswirklichkeiten und kulturspezifische Aspekte wird eingegangen; leider viel zu knapp, wie zum Beispiel bei den Besonderheiten von Familienunternehmen und multinationalen Teams. Das wären die Business-Themen, die genauer interessieren!

Und das war´s dann auch mit den Business-Spezifika. Bevor im letzten Buchkapitel das eigentliche Managementthema „Selbst- und Mitarbeiterführung“ behandelt wird (allerdings beschränkt auf abstrakte Selbstführungen zu Glück und Charisma), strotzt der Hauptteil des Handbuches vor persönlichkeitsstrukturellen Inhalten. Sicher sollten individuelles Innehalten und Introspektion in keinem Coaching fehlen. Sieht man jedoch von didaktischen Mängeln ab (nervige Redundanzen, ständige Querverweise), überwiegt der Eindruck, hier schreibt ein tiefenpsychologischer und Psychodrama-Therapeut für Persönlichkeitsbildung und nicht ein Business-Coach.

Natürlich „dürfen“ sich auch hart wirtschaftsdenkende Führungspersonen mit Emotionen, Innenschau und dynamischem Gruppenerleben beschäftigen, aber das ist einfach zu viel des Guten. Immer wieder driftet der Autor in die imaginativen Sphären von „Mentals“ (ein komplexes, orientalisches Gedankenkonstrukt), therapeutischen Hypnosuggestionen, „Sozial-Atomen“ und Objektbeziehungsaspekten ab und hält sich selbst nicht an den formulierten Anspruch: Coaching ist keine Psychotherapie. Dort oder in einer Selbsterfahrung hat vertiefende Emotionsarbeit ihren berechtigten Platz. Eine Methodendarstellung für Business-Coaching sollte hingegen stärker makrospezifische Organisations- und berufliche Rollenaspekte ziel- und ressourcennah thematisieren. Formal hilfreich sind trotz der unklaren Gesamtstruktur des Interventionskapitels die konkreten Anleitungen und Fallbeispiele, auch die Warnung vor unprofessioneller Kochrezeptanwendung zum Beispiel bei der Aufstellungsarbeit und psychodramatischen Interaktion. Was aber gänzlich fehlt, sind evidenzbasierte, verhaltensorientierte Methoden, allem voran Selbstmanagement-Techniken, Problemlöse-Strategien, Übungen zur Realitätstestung und Stressregulation (Burnout-Prophylaxe).

Zumindest im letzten Kapitel werden Führungsimplikationen mit praktischen Reflexions-Leitfäden beleuchtet, leider meist auf die individuell-biographische Seele gerichtet, die äußere Bühne der Team-, Führungs- und Konflikt-Kommunikation wird kaum behandelt. Gut ist immerhin die differenzierte Darstellung des lösungsorientierten Arsenals, einem für das Coaching im Business-Kontext hervorragend geeigneten Instrument, da sehr zielgerichtet und systemisch. Der Autor sagt sogar selbst: „Wenn ein Unternehmen Business-Coaching anfordert, liegt ihm nicht daran, bestimmte Mitarbeiter zu reifen oder weisen Persönlichkeiten zu formen. Stattdessen geht es um konkrete Wünsche…“ Daran hätte sich Migge in seinem Buch halten sollen.
 
Dr. Jörg Pscherer
Praxis Pscherer, Nürnberg
www.praxis-pscherer.de
 
 
 
Rezension von Mona Haug
Der Leser wird eingeladen, sich mit den vier Kapiteln Orientierung, Prozessgestaltung, Interventionsverfahren und Methoden sowie Selbst -und Mitarbeiterführung zu beschäftigen, damit er anschließend auf einem soliden und kompetenten Fundament als Coach agieren kann.

Im ersten Kapitel, benötigt der Leser und Coaching-Aspirant den gesunden Menschenverstand, der dazu befähigt, sich durch das Wirrwarr von aktuellen Coaching-Angeboten auf dem immer größer werdenden Markt und den verlockenden Versprechungen zum beruflichen Erfolg in dieser Branche und der schnellen Zielerreichung für den Klienten abgrenzen und unterscheiden zu können. Hier geht der Autor auf den ersten 50 Seiten auf die Geschichte, Hintergründe und die Sprache ebenso wie auf die Nachfrage, die Ausbildung und Ethik im Coaching ein, um das Ganze mit dem Thema Organisationswirklichkeit abzurunden.

Im zweiten Kapitel wird Coaching als Prozessgestaltung definiert. Darüber hinaus bietet der Autor dem Leser wertvolle, praktische Tipps und Downloads zur freien Verfügung an, um von Anfang an durch eine gelungene, zugleich notwendige Rahmengestaltung unterstützen zu können. Nicht zu vergessen, die detaillierten, hilfreichen Konzepte, Strategien, Zielbildungen, Interventionsplanungen, der Praxistransfer und die Qualitätssicherung, die dem Coach den Rücken stärken und ein klares Bild der Vorgehensweise im Coaching-Prozess herstellen.

Im dritten Kapitel wird ein umfangreiches Repertoire an kritischen Reflexionen von Verfahren und Methoden, lösungsorientierten, kognitiv-emotionalen, imaginativen und intuitiven, sowie handlungsorientierten und systemischen Interventionen eingehend beschrieben. Dem Leser werden existierende und bekannte, angewandte Interventionen vorgestellt, die den eigenen Horizont erweitern und einen kleinen Einblick in unterschiedlichste Aufstellungsarbeiten geben. Zum besseren Nachvollziehen verwendet der Autor konkrete Beispiele, anhand derer das Ein- und Ausüben der verschiedenen Interventionen verdeutlicht werden soll.

Im vierten und letzten Kapitel, erhält der Leser ein Know-how der wichtigsten Selbst- und Mitarbeiterführungskompetenzen. An dieser Stelle gibt es auf etwa 60 Seiten einen kurzen Abstecher in Themen wie zum Beispiel Selbstführung, positives Leben, Werte, Glück, Persönlichkeit, Resilienz, Salutogenese und Burnout und eine dementsprechend passende Intervention. Auch hier werden wieder einzelne Beispiele eingesetzt, um das Ganze zu veranschaulichen und zu vereinfachen.

Durchgängig und zum jeweiligen Thema begleitend, findet der Leser entsprechende Literaturtipps, auf die im kommentierten Anhang noch einmal kurz eingegangen wird. Sicherlich hätte sich so mancher angehende Coach über Tipps und Links zur Selbstvermarktung und dem Erschließen des Coaching-Marktes gefreut, nachdem er im Anschluss an das durchgearbeitete Buch sich bestens ausgerüstet fühlt und losstarten möchte. Schade, dass dieser bedeutende Aspekt übergangen wird.

Jeder Coach benötigt ein fundiertes Business-Coaching-Handbuch, welches hiermit vorgelegt wurde und dem Leser mit gutem Gewissen empfohlen werden kann. Es ist allerdings noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ob man sich an bestimmte Interventionen der modernen Hypnotherapie, wie zum Beispiel Trancearbeit, ohne fundiertes Wissen heranwagen möchte beziehungsweise sollte, bleibt dahingestellt. Der Autor verkauft Coaching auf eine sehr anschauliche, attraktiv gestaltete Art und Weise – und dennoch: Es fühlt sich an, als wenn er einem eine Karotte vor die Nase hält und zum Weiterlaufen ermutigen möchte. Da bleibt der sich noch unsicher fühlenden Leserschaft wohl nur, ganz schnell ein Seminar beim Autor zu buchen …
 
Mona Haug, MA
Business Coach
www.monahaug.de
 
 
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