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Rezension von Till Mrongovius
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„Coaching Across Cultures“ ist ein in Englisch geschriebenes Buch vom belgischen Autor Philippe Rosinski. Ein Hinweis vorweg: Zum Verständnis ist ein zumindest fortgeschrittenes Englisch notwendig. Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil „Coaching and Culture“ nimmt Rosinski eine kurze Definition und Besprechung zentraler Aspekte beider Begriffe vor. Hier wird für Coachs vor allem der Kulturteil interessant sein. Im zweiten Teil „Leveraging Cultural Differences“ erarbeitet der Autor einen Rahmen zur Einordnung von kulturellen Orientierungen und im dritten Teil führt er Instrumente zur Durchführung eines Coaching-Prozesses ein. In seinen Betrachtungen legt der Autor implizit die Transaktionsanalyse (TA) und das NLP zugrunde, beide sind daher in kurzen Kapiteln am Ende des Buches jeweils verdichtet beschrieben.
Der Autor nutzt bei seinen Betrachtungen immer wieder Beispiele aus der eigenen Praxis zur Verdeutlichung. Zwei größere Fallstudien ziehen sich durch das gesamte Buch hindurch und ermöglichen es, Beispiele für einzelne kulturelle Orientierungen in einem größeren Gesamtkontext zu sehen. Zusätzlich bietet der Autor Coaching-Tools an, welche sich auf einzelne kulturelle Dimensionen beziehen.
Rosinski beschreibt zunächst in Teil 1 sein Coaching-Verständnis, welches sehr nahe an dem liegt, worauf man sich auch in Deutschland bezieht. Im zweiten Abschnitt dieses Teils wird ein Kulturbegriff definiert und der Umgang mit kulturellen Unterschieden beschrieben. Zwei Fallstudien verdeutlichen den Nutzen eines konstruktiven Umgangs mit diesen Unterschieden.
Im zweiten Teil entwickelt Rosinski zunächst das „Cultural Orientation Framework“, ein Modell, um kulturelle Orientierungen abzubilden, mit dem Ziel, sie im Coaching-Prozess bewusst einzusetzen. Er bezieht sich dabei auf die Arbeiten von Hall, Hofstede, Trompenaars und anderen und entwickelt daraus 17 Dimensionen in sieben Kategorien: Sinn für Macht und Verantwortung, Herangehensweise an Zeitmanagement, Definition von Identität und Zweck, Organisation, Territorial- und Abgrenzungsverhalten, Kommunikationsmuster, Denkmuster. Basierend darauf stellt er zwei mögliche Anwendungen vor und bietet dem Leser Arbeitsvorlagen zu diesen Anwendungen an.
In den Kapiteln 4 bis 10 wird dann je eine Kategorie mit ihren Dimensionen nach demselben Muster diskutiert. Zunächst findet man eine neutrale Beschreibung beider Extreme der Dimension mit Beispielen bezogen auf Coaching-Themen. Daran schließt sich an, wie man beide Pole der Dimension sinnvoll verbinden, und wie man diese Verbindung in einem Coaching-Prozess nutzen kann. Diese beiden Abschnitte sind wohl die wertvollsten für einen interkulturell interessierten Coach. Jedes Kapitel wird mit einem passenden Coaching-Tool abgeschlossen, die von Übungen im Gruppen-Coaching bis zu Kreativitätstechniken und von sehr analytischen bis zu eher analog-kreativen Werkzeugen reichen.
Im dritten Teil diskutiert der Autor Werkzeuge, um einen Klienten durch die Schritte des Coaching-Prozesses zu begleiten. Zunächst schlägt er eine systemische Analyse der Klientensituation in den Bereichen „Selbst“, „Organisations-Stakeholder“, „Familie und Freunde“, sowie „Gesellschaft und Welt“ vor. Für den Bereich „Selbst” geht Rosinski vertiefend auf den MBTI ein. Danach betont der Autor die Notwendigkeit einer messbaren, umfassenden Zielsetzung und entwickelt analog zur Balanced Scorecard die „Global Scorecard“, die für die o.g. Bereiche jeweils Indikatorkategorien beinhaltet. Die These des Autors ist dabei, dass nachhaltiger beruflicher Erfolg nur durch nachhaltige Ziele in allen Lebensbereichen getragen wird.
Zum Abschluss des Buchs fügen sich zwei kurze Kapitel über TA und NLP sowie ein Glossar und ein Fußnotenverzeichnis nach Kapiteln an.
Wer als Leser erwartet, dass es um das praktische Coaching bei interkulturellen Fragestellungen geht, wird enttäuscht. Stattdessen geht es um kulturelle Unterschiede und wie das Wissen um jene einen Coach in seiner Tätigkeit voranbringen kann. Das Buch regt an, die eigene kulturelle Prägung und deren Einfluss auf den Coaching-Prozess zu hinterfragen.
Rosinskis wertschätzende und neutrale Betrachtung kultureller Ausprägungen ist herausfordernd und inspiriert im gesamten zweiten Teil, das Positive in der Gegenposition zu suchen und der Leser wird angeregt, kulturelle Unterschiede in ressourcenorientierter Tradition als Quellen von Vorteilen zu sehen. Diese Haltung ist nachgerade im Bereich des Expatriate-Coaching unverzichtbar. Durch die Anwendungshinweise weitet sich der Blick für größere Lösungsräume und gezielte Impulse, die man dem Klienten geben kann.
Sehr positiv fallen die Fallstudien auf, die den manchmal eher philosophischen Überlegungen immer wieder Leben einhauchen und zur Klarheit beitragen. Unter Umständen erinnert sich mancher Leser an eigene Erfahrungen mit diversen Kulturen und Ländern, die sich damit plötzlich in einen größeren Rahmen stellen.
Für sich genommen sind auch einige der Tools interessant für Workshops oder Einzelsitzungen, allerdings werden gerade erfahrenere Coachs und Trainer hier wenig Neues finden. Interessant für sie dürfte allerdings sein, diese vielleicht bekannten Werkzeuge in den neuen kulturellen Kontext gestellt zu sehen. Wichtig erscheint dabei auch der ausdrückliche Ansatz des Autors, nicht nur der Kontakt unterschiedlicher Nationalitäten berge interkulturelle Herausforderung, sondern vor allem auch der Kontakt unterschiedlicher Firmen- und Berufskulturen. Diese Sichtweise ist sicher auch für „normale“ Coaching-Prozesse bereichernd.
Leicht negativ dagegen fällt auf, dass es keinerlei explizite theoretische Herleitung des „Cultural Orientation Framework“ gibt. Rosinski nennt zwar seine Einflüsse, und die Dimensionen sind zum Teil bekannt, aber die Kriterien der Auswahl bleiben im Dunkeln. Damit ist das Buch eher für den Praktiker als Anregung geeignet, und weniger als wissenschaftlich gesichertes Werk zu betrachten.
Der dritte Teil des Buches lässt die Verbindung zu den kulturellen Dimensionen etwas vermissen: Die „Global Scorecard“ mag eine interessante Alternative zu anderen Work-Life-Balance-Modellen sein, hat aber – wie der Teil insgesamt – recht wenig mit dem kulturellen Thema zu tun. Hinweise auf vorangegangene Kapitel finden sich hier kaum noch, und es wirkt fast so, als sei dieser Abschnitt aus einem anderen Buch.
Angenehm ist die sehr humanistische Prägung des Autors, die vor allem im letzten Abschnitt stark deutlich wird: Rosinski stellt hier explizit die Verbesserung der Welt als positives, nützliches, und erstrebenswertes, aber auch realistisches Ziel dar. Er begründet u.a. sehr eingängig, warum diese Fragen der Orientierung und globale Ziele auch für reine Business-Coaching-Situationen wichtig sind.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Werk auf eine sehr interessante Weise die Kulturrelativität in einen Coaching-Kontext einführt, wenn auch ohne eine methodologisch sehr tiefgehende, theoretische Fundierung. Es liest sich durch zahlreiche Anwendungsbeispiele leicht und bietet einiges an praktischem Mehrwert. Der Autor setzt sich als Ziel, eine Grundlage für einen fruchtbaren Austausch zwischen Coaching und interkultureller Forschung zu legen. Das ist ihm gelungen.
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Till Mrongovius
perspektiven.leben
dialog@perspektivenleben.de
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