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Rezension von Dr. Christine Kaul
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Victor Frankls Ideen und sein therapeutisches Modell erleben in den vergangenen Jahren eine wahre Renaissance. Aufgegriffen werden sie von einer beraterischen Disziplin, die sich häufig in Abgrenzungsbemühungen wie auch Wettbewerb zu Therapie befindet, dem Coaching.
Die Autoren legen nun ein Buch vor, in dem sie die konsequente Anwendung des logotherapeutischen Theoriefundus auf Business-Coaching demonstrieren. „Wertecoaching“, wie sie es nennen, definieren sie dabei als eine substanzielle Begleitung des Klienten vor allem in brisanten Lebens- und Arbeitssituationen.
Hervorragend gelungen, kenntnisreich und anregend geschrieben sind die ersten Kapitel des Buches. Das Thema Sokratischer Dialog wird allerdings etwas zu angestrengt abgehandelt und wirkt im Kontext mit seinen knapp 20 Seiten aufgepfropft und „unrund“. Aber die Ausführungen „Der Mensch strebt nach Sinn“ sind eine erstklassige Hinführung zu Frankls Denken. Die Methoden und Interventionsformen der Logotherapie werden hier übersichtlich und nachvollziehbar dargestellt, angefangen mit Paradoxer Intention (und hier findet sich (endlich!) eine klipp-und-klare Unterscheidung von paradoxer Intervention vs. paradoxer Intention, die ja leider immer wieder gleichgesetzt werden) über Dereflexion bis zu verschiedenen Verfahren der Einstellungsmodulation.
Wertvoll im Wortsinn das Kapitel „Wertecoaching“ mit den zehn Thesen zum Transfer logotherapeutischen Gedankenguts ins Coaching, hilfreich, eingängig, nachvollziehbar. Die Thesen werden jeweils eingeleitet mit Zitaten aus Frankls Werk und dann in ihrer Bedeutung für das Coaching expliziert. Und immer wieder wird deutlich: der Mensch kann sich und sein Leben ändern, wenn er es nur will. Dabei ist der Coach unterstützend in einem Prozess der Ermöglichung von Neuorientierung und Sinnerkenntnis.
Während die Autoren bereits vorher die Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit ganz im Franklschen Sinne deutlich gemacht haben, findet sich hier nun auch eine Tabelle und eine Grafik, die Unterstützung geben in der Frage, wann Coaching, und wann eher eine Therapie indiziert ist. Manchem Anfänger-Coach kann die Reflexion dieser Ausführungen nur dringend empfohlen werden zur Präzisierung der eigenen Rollendefinition.
Das Tool-Repertoire, das in den folgenden acht ausführlichen Fallbeispielen Verwendung findet, ist sehr weit gefächert und zu großen Teilen aus anderen (Coaching-) Modellen bestens bekannt. Zwar wird alles harmonisch in die Werteorientierung bzw. das Werte-Coaching hinein argumentiert, aber bei einigen der Fälle wird dann doch die Frage nach der logotherapeutischen Verortung drängend. Der im Buch mehrfach offerierte Internetauftritt hilft in dieser Frage nicht weiter: Es handelt sich beim Passwort geschützten Bereich um einen enttäuschend kommerziellen Shop für Spiele, Selbstanalyseverfahren und ähnliches.
Die Fallbeispiele – die Abfolge orientiert sich am „gefühlten Grad des Brisanz-Erlebens“ – präzisieren, warum die Autoren die Auseinandersetzung mit Frankl als Desiderat für Führende und Geführte in Unternehmen betrachten. Angefangen mit dem lebenshistorisch „leichteren“ Problem eines Orientierungsbedarfs in einer ansonsten befriedigenden beruflichen Situation reicht die Bandbreite bis hin zu schweren Krisen im aktuellen Arbeitskontext: Die Rückbesinnung auf das, was der Person zutiefst wertvoll ist, und die Neuausrichtung an den persönlichen Werten verhilft glaubhaft zu Handlungsfähigkeit in schwierigen beruflichen Zeiten.
Diese kritischen Anmerkungen mindern allerdings den Wert des Buches nicht. Es ist ein anregend lehrreiches und erfreuliches Buch. Aufmachung und inhaltliche Gestaltung machen den Zugang zum Thema leicht, verführen zum Lesen und machen das Buch zu einem fachlichen „Page-Turner“. Insgesamt eine gelungene Veröffentlichung, die auch erfahrenen Coachs zu Auffrischung und Erweiterung ihres Repertoires empfohlen werden kann.
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Dr. Christine Kaul
Kaul-Coaching, Wolfsburg
willkommen@kaul-coaching.de
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Rezension von Dr. Otto Zsok
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Gleich zu Beginn des Buches wird klargestellt, dass Coachs nicht therapieren und
dennoch die „gute Nachbarschaft“ zur Welt der Psychotherapie suchen sollten.
Schlieper-Damrich hebt hervor, dass sich das Hauptanliegen des Buches, den
konzeptionellen Rahmen eines professionellen Wertecoaching vorzustellen, durch
die Zunahme der Belastungen im Berufsleben aufgrund mangelnden Sinnerlebens,
Krisen und Differenzen zwischen eigenen und fremden Wertvorstellungen ergibt.
Von hier aus bietet sich an, die sinnzentrierte Psychotherapie, also die
Logotherapie von Viktor Frankl kennenzulernen, so der Autor. Dem Autorenteam sei
sehr wichtig, „Führungskräften die Haltung und das Menschenbild
nahezubringen, das wir als unabdingbar für eine respektvolle Arbeit mit dem
Wertesystem eines Menschen ansehen. Frankl leistet hier Großes, und wir knüpfen
in weiten Teilen unserer Ausführungen gerne an ihn an.“ (S. 13f.)
Kapitel 1 (S. 19–64) ist in der Tat dem Menschen gewidmet, der „nach Sinn
strebt“. Der Leser kann aus einer sehr gelungenen, dichten Zusammenfassung
erkennen, worum es in der Logotherapie geht: um den Willen zum Sinn und zur
Sinnerfüllung, um Werte und Wege zur Sinnförderung sowie Methoden, die in
einer logotherapeutischen Sitzung wichtig sind.
Kapitel 2 (S. 67–89) beschäftigt sich mit dem sogenannten „sokratischen
Dialog“, mit der Kunst also, ein Gespräch so zu führen, dass der Klient
selber erfühlen und erkennen kann, „wo“ sein Sinn liegt und wie er sich ihn
aneignet, bzw. ihn „wahr macht“.
Kapitel 3 (93–129) entfaltet das Konzept „Wertecoaching“, und man muss
hier betonen, dass die zehn Thesen, welche logotherapeutisches Gedankengut in
das Gebiet der Coaching transferieren, auf originelle Weise die sinnzentrierte
Sichtweise von Frankl mit der Ausrichtung des Coachings verbindet. Man kann
sagen: Diese durchaus als schöpferisch zu nennende Verbindung geschieht in der
Fachliteratur zum ersten Mal, zumindest in dieser Deutlichkeit, wenn man einmal
von den Büchern von Walter Böckmann absieht, die allerdings die Logotherapie
mit der Arbeitswelt und Wirtschaft miteinander verknüpft.
Kapitel 4 (S. 136–281) ist mit seinen Fallbeispielen eine gelungene
Illustration dafür, dass Sinn und Gewinn, Werte und Arbeit, Sein und Sollen
zusammengehören, weil der Mensch selbst ein zutiefst sinnorientiertes Wesen
ist, dem auch ein „Soll“ (im ethischen Sinne des Wortes) aufgetragen ist.
Das Buch darf als eine Art Synthese, als ein fundiertes Werk eines Autorenteams
bezeichnet werden, das für Coachs und Führungskräfte nicht bloß „Lesevergnügen“,
sondern echte, tiefe, werteorientierte und sinnzentrierte Einsichten vermittelt.
Die Lektüre des Buches ist unbedingt allen zu empfehlen, die mit Menschenführung
zu tun haben und gerne dazu lernen möchten.
Ergänzt wird jedes Kapitel mit Angaben aus der Fachliteratur und mit
anschaulichen Skizzen sowie mit Inhaltsverzeichnissen als „Schnellfinder“.
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Dr. Otto Zsok
Direktor Süddeutsches Institut für Logotherapie
www.logotherapie.de
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